Der Mantel, den Eman trägt, ist von ihr selbst genäht. Die braune Schurwolle hat ihr eine Kundin geschenkt. „Das habe ich vorgestern gemacht, hat nur eine halbe Stunde gedauert“, erzählt sie und streicht über den Ärmel.
Dann setzt die Nadel wieder an. Der Stoff gleitet langsam unter ihren Händen hindurch. Vor ihr liegt eine Jacke mit aufgerissener Naht. Für viele wäre sie ein Fall für den Müll. Für Eman beginnt hier erst die eigentliche Arbeit.
Seit 2012 führt die gebürtige Irakerin gemeinsam mit ihrer Schwester Hakima eine Schneiderei in Düsseldorf. Reparaturen, Änderungen, Gardinen – die Arbeitstage sind voll. Besonders in den vergangenen Jahren hat die Nachfrage zugenommen. Der Grund dafür liegt auch im Internet. „Die Leute kaufen immer mehr online“, erzählt sie. „Wenn die Sachen nicht richtig passen, kommen sie zu uns.“
Es freut Eman, dass mehr repariert wird. Gleichzeitig sieht sie die Entwicklung kritisch. Viele Kleidungsstücke würden heute gekauft und schnell wieder entsorgt. Änderungsschneiderei sei deshalb mehr als nur Handwerk: „Es ist eine gute Möglichkeit, die Welt sauber zu halten.“ Weniger wegwerfen, länger nutzen – für sie beginnt Nachhaltigkeit im Alltag. Mit ihren Reparaturen hält sie Kleidung möglichst lange im Kreislauf. Auch Plastiktüten verwendet sie mehrfach. Sie versucht, in jeder Hinsicht so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Eman und Hakima sind Teil des Netzwerks Repair Rebels. Die Initiative setzt sich dafür ein, Kleidung reparieren zu lassen, statt ständig neue zu kaufen.
Die Liebe zum kreativen Arbeiten begleitet Eman schon lange. Sie stammt aus einer Künstlerfamilie, malt selbst Bilder und hat im Irak Romane und Literaturkritiken veröffentlicht. Eigentlich studierte sie Wirtschaft und Management. Es war der Wunsch ihres Vaters, ihre Leidenschaft lag jedoch schon immer woanders.
2002 kam sie nach Deutschland. Die politische Situation im Irak hatte die Familie zur Flucht bewegt. „Wegen Goethe wollte ich immer nach Deutschland“, erzählt sie lachend. „Ich dachte früher: Weimar ist die beste Stadt der Welt.“ Letztlich landete sie in München. Dort arbeitete sie in einer Schneiderei und lernte das Handwerk. Später machte sie sich selbstständig und eröffnete ihren eigenen Laden in Düsseldorf.
Besonders gern arbeitet Eman mit älteren, hochwertigen Kleidungsstücken. Manche Kundinnen bringen alte Designerstücke vorbei, die es längst nicht mehr zu kaufen gibt. Dann wird aus einer Reparatur oft mehr als nur ein neuer Saum oder eine geänderte Naht. Emans Augen leuchten, wenn sie davon erzählt, Schnitte zu modernisieren, Schulterpolster zu entfernen und Kleidung neues Leben einzuhauchen. Aus alten Kleidungsstücken entstehen so oft neue Lieblingsteile.



Dass ihre Arbeit auch anderen Menschen Perspektiven eröffnet, ist ihr wichtig. Zwei Frauen, die zeitweise bei ihr gearbeitet haben, haben sich inzwischen ebenfalls selbstständig gemacht. Immer wieder kommen außerdem Schülerinnen, Schüler und Designstudierende für Praktika in die Schneiderei. Selbstständigkeit bedeutet für Eman vor allem Freiheit. Gleichzeitig kennt sie die Herausforderungen: lange Arbeitstage, Verantwortung und Unsicherheit. Trotzdem würde sie ihren Weg wieder gehen.
Ihre Heimat bleibe der Irak. Aber Deutschland sei ein Land, in dem sie Freiheit und neue Möglichkeiten gefunden habe. „Deutschland hat so viel gegeben“, sagt sie. „Ich möchte etwas zurückgeben.“ So entstehen in ihrer Schneiderei weiterhin jeden Tag kleine Reparaturen mit großer Wirkung – für Menschen und für die Umwelt.






